50 Jahre Drogenberatungsstelle Braunschweig (Drobs) sind ein besonderer Meilenstein und Anlass auf die vergangenen fünf Jahrzehnte zurückzublicken. „Heute, 2024, sind wir stolz auf das, was wir erreicht haben, aber wir wissen auch, dass die Arbeit nicht beendet ist. Die Probleme sind komplexer geworden, die Drogen vielfältiger und oftmals auch gefährlicher. Wir sind bereit, uns diesen neuen Herausforderungen zu stellen, mit neuen Methoden und Ansätzen, aber immer mit der gleichen Menschlichkeit, die uns seit 1974 antreibt“, sagt Sven Spier, Geschäftsführer des Paritätischen Braunschweig, Träger der Drobs.
Spier sprach anlässlich des Jubiläums den Kolleginnen und Kollegen der Beratungsstelle, des Cafés und der medizinischen Ambulanz an der Kurt-Schumacher-Straße seinen besonderen und großen Dank aus. Sie leisteten seit vielen Jahren eine „unglaublich professionelle und wichtige Arbeit“ für die Stadt Braunschweig und vor allem aber für die betroffenen Menschen, für die es viel zu oft um Leben und Tod ginge. Die Drobs befindet sich seit dem Jahreswechsel 1977/78 an diesem Standort.
Martin Klockgether, Leiter des Fachbereichs Soziales und Gesundheit der Stadt Braunschweig hob die Pionierarbeit hervor, die die Drobs in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer wieder geleistet habe. „Für dieses Engagement, Antworten auf vielfältige soziale Probleme zu geben, danke ich den Mitarbeitenden der Drobs im Namen der Stadt sehr herzlich“, sagte Klockgehter. Gemeinsam mit der Stadt werde die Drobs auch in Zukunft bei sozialer Integration und gesellschaftlicher Teilhabe Suchtkranker helfen und einen wichtigen Beitrag für eine sozial ausgerichtete Stadtgesellschaft leisten.
Michael Cuypers Geschäftsführer der Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen lobte die Drobs, die die herausfordernde Arbeit immer gut gemeistert habe: In den vergangenen 50 Jahren habe sich die Suchtproblematik stark verändert. Die Drobs sei mit diesen Veränderungen gut umgegangen, habe sich weiterentwickelt und innovative Ansätze zur Suchtberatung und -prävention geschaffen.
„Das Ausmaß der Betroffenen zeigt: Wir sind eine rausch– und drogenaffine Gesellschaft. Suchtmittel sind sehr leicht zu bekommen. Das Angebot ist riesig, und auch die Vielfalt des Angebots, die Verfügbarkeit beinahe grenzenlos. Eine Suchterkrankung ist kein Rand- oder Nischenproblem. Der Kampf um die Finanzen war in der Geschichte der Suchthilfe immer ein Drahtseilakt. Das soll wohl so bleiben - und gehört zur ihrer DNA. sagte Michael Cuypers. Und Sven Spier ergänzte, dass jeder in die Drogenberatung investierte Euro sich lohne, weil er an anderer Stelle der Volkswirtschaft ein Vielfaches erspare.
Der Geschäftsführer des Paritätischen Braunschweig erinnerte in seiner Rede daran, dass die Gesellschaft, als die Beratungsstelle 1974 ins Leben gerufen wurde, vor einem überschaubaren und ganz anderen Drogenproblem als heute gestanden habe. Damals ging es vor allem aus heutiger Sicht klassische Drogen wie Heroin und Cannabis. Die Hippie-Bewegung habe den Konsum von Cannabis und LSD populär gemacht, während harte Drogen wie Heroin besonders unter den gesellschaftlich benachteiligten Gruppen zum Teil verheerende Auswirkungen gezeigt hätten. Die Gründung der Drobs sei genau in jene Zeit gefallen, in der das Thema Drogenabhängigkeit zu einem brennenden sozialen Problem geworden war.
„Die Arbeit unserer Drogenberatung war von Anfang an ein Gegenpol zur gesellschaftlichen Stigmatisierung Drogenabhängiger. Unsere Überzeugung war und ist es, dass hinter jeder Sucht eine Geschichte steckt, eine Geschichte von Schmerz, Traumata, Ausgrenzung und Hoffnungslosigkeit. Unsere Aufgabe war und ist es, diesen Menschen eine Perspektive zu geben, ihnen zuzuhören und sie zu begleiten“, erläuterte Sven Spier. Als überaus wichtigen Baustein der Drobs nannte er die Einführung der medizinische Ambulanz 1979 mit einem hauptamtlichen Arzt. 1992 begann dort die Substitution mit Methadon.
Mit der Verbreitung des HI-Virus wurde die Situation Drogenabhängiger in den 1980er Jahren noch dramatischer. In den 1990er Jahren kamen neue Herausforderungen auf die Drobs in Form synthetische Drogen in der sogenannten Partyszene hinzu, auch der Konsum von Cannabis nahm weiter zu. Durch die Grenzöffnung stieg die Zahl der Klienten zudem deutlich.
Die zunehmende Verschreibung von Medikamenten, die ebenfalls zu Abhängigkeiten führen, die Digitalisierung des Drogenhandels im Darknet und das Aufkommen sogenannter Designerdrogen erfordern stellen große Herausforderungen dar. „Die Bedeutung von Prävention, Aufklärung und menschlicher Nähe ist herausragend. Wir wissen, dass der Weg aus der Abhängigkeit nur in einem Umfeld aus Akzeptanz und Empathie möglich ist. Und das ist es, wofür hier seit 50 Jahren stehen“, sagte der Geschäftsführer des Paritätischen Braunschweig.
Neben dem offiziellen Teil fand im Rahmen des Jubiläums eine Fachtagung in den Räumen des Kinderschutzbundes statt, die auf enormes Interesse des Fachpublikums stieß.
Ricarda Henze von der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen ging in ihrem Vortrag auf das neue Cannabisgesetz mit seinen Chancen und Herausforderungen ein. Marc Pestotnik von der Fachstelle für Suchtprävention Berlin gGmbH gab interessante Einblicke in das Thema „Riskanter Medikamentengebrauch“. Andreas Pauly, Experte für Mediensuchtprävention referierte zum Thema „Schöne neue Welt - die Prävention von medienbezogenen Verhaltenssüchten“.
Für die breite Öffentlichkeit gab es „einen Nachmittag der offenen Tür“. Auch hier war die Resonanz sehr gut und zeigte, dass das Interesse an der Arbeit der Beratungsstelle groß ist und die Suchtproblematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Für die Klientinnen und Klienten fand ein ungezwungener Vormittag im Café Relax statt. Das Team der Drobs bereitete Hot Dogs für alle zu und bot Kaffee, Kuchen und Kaltgetränke an.















